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 ACHTUNG: SELBSTHILFEGRUPPE FÜR MENSCHEN, DIE IHRE NEUROLEPTIKA ABSETZEN WOLLEN - Infos ganz unten auf dieser Seite

 

 

 

Meine Erfahrungen mit der Neuroleptikaeinnahme

 

Wie habe ich persönlich die Gabe von Anti-Psychotika erlebt? 

 

Zur Einstimmung auf dieses Kapitel möchte ich Dich gerne auf eine kleine Zeitreise mitnehmen, zurück ins Jahr 1993, dem Jahr als bei mir, gerade 26 Jahre alt, das erste Mal Schizophrenie diagnostiziert worden ist. 

 

Lenke Deinen Blick nach innen, schau gleichzeitig mit mir weit zurück und verweile dann mit mir bei einem inneren Bild.

 

Vertreibung meiner Seele 

 

Ich bin in der Psychiatrie auf der Geschlossenen. Vor 2 Tagen bin ich freiwillig hier her gekommen auf der Suche nach Hilfe, weil sich in mir innerlich so viel abspielt.....und weil ich eine Stimme gehört habe, die weder gut noch böse zu sein schien und mich gerufen hat: "Wer kommt denn da..."

 

Ich sehe die langen schmalen Gänge, auf denen geraucht wird und auf denen sich alle Patienten aufhalten dürfen, schmale lange öffentliche Gänge, die paradoxerweise aber für mich, auf der Suche nach Intimität, die einzige Zufluchtsstätte bedeuten, wenn ich meinem engen 6-Bett-Zimmer für eine Weile entkommen will. Außerdem ist im Flur ein kleiner Mini-Spind, der einzige Ort, an dem ich meine Habseligkeiten verstauen kann.

 

Am ersten Tag bin ich immer noch sehr in meiner eigenen Welt und sehr beschäftigt mit den vielen Gedanken, Gefühlen, Assoziationen, kreativen Einsichten und dem "Sehen von Zusammenhängen", was auch ein Charakteristikum aller folgenden psychotischen Krisen sein wird.


Am zweiten Tag werde ich aufgefordert jetzt jeden Tag mehrere Tabletten zu schlucken, "mit denen es Ihnen bald wieder besser gehen wird". Mehr erfahre ich nicht über die Tabletten.

Nur an der Farbe wird mir in 2 Wochen auffallen, dass es nun andere Kapseln sind, dass Dosis oder Art des Medikaments wohl verändert worden sind.

 

Nachdem ich die Tabletten geschluckt habe, verändert sich meine Welt drastisch. Plötzlich ist nichts mehr wie es war.

 

Ich sitze auf der vorderen Stuhlkante in der Ecke auf dem Gang. Meine Finger verkrampfen sich um die Stuhllehne. Apathisch und mit starrem Blick sitze ich regungslos da, gleichzeitig unruhig und jederzeit auf dem Sprung, um wieder den Gang auf und ab zu laufen. Eine mir unerklärliche Sitzunruhe hat seit einigen Stunden plötzlich von mir Besitz ergriffen und ein unaufhörlicher Bewegungsdrang lässt mich keine 2 Minuten auf einem Stuhl zur Ruhe kommen. Habe ich die Kontrolle über mich verloren? So erschöpft ich auch bin, ich MUSS laufen..., laufen, laufen, nur um mich dann, beim Stuhl wieder ankommend, mit der verzweifelten Sehnsucht nach Ruhe und Ankommen, wenige Minuten kramphaft an ihm festzuhalten... und nur, um gleich darauf wieder los zu laufen.....

Den ganzen Tag..., manchmal die ganze Nacht..., 24 Stunden lang.. .


Ebenso wie mein Blick sind meine Glieder und meine Bewegungen starr und steif geworden. Ich bewege und fühle mich wie ein Zombie.

 

In mir ist vollkommene gedankliche Leere. Es ist auch nicht mehr möglich "nach rechts" oder "nach links" zu denken und die Gedanken können auch nicht kreisen oder sich zentrieren.

 

Mein Körper im schmalen langen Psychiatrie-Gang

- noch schmaler und eingleisiger der dunkle Tunnel in meinem Kopf.

 

Mit den "Wahnvorstellungen", die ich mit Hilfe der Neuroleptika nun nicht mehr wahrnehme, nicht mehr wahrnehmen soll, sind auch alle anderen Gedanken und Assoziationen oder kreativen Regungen verschwunden.

Natürlich auch die Einfälle, Eingebungen und das "Sehen" von Zusammenhängen, die ich vermutlich nicht sehen soll, weil sie "als psychotische Symptome" bekämpft werden müssen.

 

Doch damals weiß ich weder etwas von Symptomen, noch von Diagnosen, noch kenne ich meine eigene Diagnose.

 

Eine einzige Verwirrung in mir:

Was ist nur plötzlich mit mir "passiert"?

Warum fühle ich mich auf einmal so furchtbar elend?

 

Der Pfleger sagt:

"Sie sind krank. Was Sie wahrnehmen und fühlen ist Ihre Krankheit, Ihre Psychose. Doch wir werden das in den Griff bekommen".

Dann eilt er von dannen. Auch er scheint "auf dem Sprung" zu sein.


Nur schemenhaft nehme ich einen Mitpatienten wahr, der laute Parolen von sich gibt.

 

Plötzlich - ich erschrecke - 4 weißgekleidete Männer stürzen sich auf ihn und packen ihn. Er wehrt sich lautstark, schlägt um sich. Gemeinsam halten sie ihn fest und zerren ihn in ein Zimmer.

Doch nur mein Unterbewusstsein erfasst das Geschehen.

Es zeichnet alles auf, nimmt alles wahr.

Der Schreck sitzt tief.

 

Doch mein Bewusstsein scheint sich verschlossen zu haben,

zusammen mit der Tür, die sich hinter meinem Mitpatienten schließt.

 

Während ich auf die geschlossene Tür starre,

machen sich dumpfe Gefühle von Hoffnungslosigkeit breit.

 

Mich selbst, mein komplettes Innenleben, mein Er-Leben

- es scheint nicht mehr zu existieren. Ich habe es verloren.

Die, die ich mal war gibt es nicht mehr.

 

Angst umklammert mich. Verzweiflung greift nach mir.

Werde ich jemals wieder etwas von der Christiane vor zwei Tagen spüren? Werde ich jemals wieder diese Christiane in mir finden?

 

Doch bevor es mir überhaupt gelingt, irgendeinem vagen Gedanken oder dumpfen Gefühl nachzugehen, muss ich auch schon wieder loslaufen.....

 

An diesem zweiten Tag weiß ich noch nicht, dass diese Situation über Wochen so anhalten wird, ohne jegliches Gespräch mit irgendjemand ohne weitere Beschäftigung,

nur unterbrochen vom Essen und Schlafen.

 

Ich bin vor 2 Tagen gekommen, weil ich Hilfe suchte.

Ich habe mich in die Obhut derer gegeben, die mir Hilfe versprachen.

Ich habe vertraut.

Ich war arglos vor zwei Tagen, ich war ahnungslos vor zwei Tagen.

Ich bin es noch - an meinem zweiten Tag.

Ich bin es noch sehr lange - zu lang

 

Ich kann (noch) nicht wissen, welcher Keulenschlag

meine Seele so urplötzlich und mit aller Wucht vertrieben hat,

... urplötzlich, "auf einen Schlag",

... ohne jegliche Vorbereitung, Vorwarnung oder Ankündigung.

 

 

Es war ganz einfach ganz schrecklich!

 

Ich (und meine Familie, die mich beim ersten Besuch am 3. Tag volkommen verändert vorfand) haben Bilder, die uns vermutlich nie mehr los lassen. Wir haben alle ein Trauma, das wir vermutlich immer in uns tragen werden.

 

 Es klingt hier schon an, dass meine ersten Erfahrungen mit Neuroleptika alles andere als gut waren.

 

Dennoch:

Ich stehe Psychopharmaka nicht grundsätzlich vollkommen abwehrend gegenüber, was andere Menschen betrifft - denn für jeden Menschen ist etwas anderes gut und richtig und für manche psychotischen Menschen bedeuten Medikamente manchmal eine kurzfristige Hilfe, um überhaupt wieder am Alltagsleben teilnehmen zu können.

 

Für mich selbst habe ich Neuroleptika aber viel stärker als Belastung, denn als Bereicherung erlebt.

 

Für mich sind nicht nur die gravierenden Nebenwirkungen und gesundheitlichen und sozialen Langzeitfolgen der Medikamente, auf die ich unten noch zu sprechen komme, problematisch, sondern auch die Wirkungen der Psychopharmaka, wie z.B. die Eindämmung meiner Sensibilität und Wahrnehmung .

 

Aufgrund dessen bin ich mit gutem Erfolg schon seit sehr langer Zeit dabei - so langsam, dass es der Körper fast nicht mitbekommt, ist meine Devise - die Medikamente komplett auszuschleichen und nehme derzeit nur noch eine verschwindend geringe Dosis, ca 2% (!!!) von dem, was ich früher genommen habe.

 

Das ist mein Weg, auf dem ich weiter gehen möchte. Aber die Betonung liegt auf MEIN. Denn ich respektiere jeden Betroffenen, der für sich eine andere Wahl trifft.

 

 

 

Warum lehne ich heute Neuroleptika für mich persönlich ab?

 

Unbestritten, selbst unter den meisten Schulmedizinern ist die Tatsache, dass Anti-Psychotika psychotische Symptome nicht heilen, sondern nur unterdrücken können.

 

Eine negative Konsequenz meiner jahrelangen Neuroleptikaeinnahme war und ist, dass die Neuroleptika mich nicht nur nicht "heilen" konnten/können, sondern dass sie in meinem Fall auch einer Heilung, wie auch immer man "Heilung" definieren mag, entgegen stehen und Heilungswege regelrecht verhindern. 

 

Ich habe in der Psychiatrie immer wieder erlebt, dass es vordergründig oder ausschließlich darum ging, die psychotischen Symptome zu eliminieren.

Dies geschah mit Hilfe von Psychopharmaka aber auch mit anderen nicht-medikamentösen Gegensteuerungsmaßnahmen.

 

Medikamente und nicht-medikamentöse Gegenmaßnahmen werden so schnell und vehement eingesetzt, dass gar keine Zeit bleibt, zum Hinschauen, Wahrnehmen, Reflektieren, Aufarbeiten. So hatte ich auch keine Chance, die dahinterliegenden Probleme und Inhalte, dann, wenn sie präsent sind, anzuschauen, zu lernen damit umzugehen und vor allem alternative Verhaltensweisen zu entwickeln.

Nach der akuten Phase sind mir ganz viele meiner Wahrnehmungen und psychotischen Inhalte nicht mehr präsent, so dass auch eine nachträgliche Auseinandersetzung und Aufarbeitung oft unmöglich ist.

 

Die Psychopharmaka haben fast mein komplettes Gefühlsleben und meine Erlebnisfähigkeit lahmgelegt, so dass ich lange unter der Selbstwahrnehmung, ich sei ein gefühlskalter Mensch, gelitten habe, etwas, was sich nach der Reduktion der Neuroleptika als völlig unzutreffend erwiesen hat. Das Gegenteil ist der Fall: Ich bin ein hochemotionaler Mensch mit hoher Empathie -Fähigkeit.

Ich war während meines Neuroleptika-Absetz-Prozesses regelrecht überwältigt von dem, was sich mir von meiner wahren Persönlichkeit, ohne den Einfluß und die Manipulation der Neuroleptika, offenbart hat. Ich lernte mich ganz neu kennen. 

Die Neuroleptika haben also zu einer ganz irreführenden Selbstwahrnehmung geführt, sie haben meine Persönlichkeit verändert und ich musste mich mit belastenden Anteilen meiner (vermeintlichen) Persönlichkeit auseinandersetzen, was gar nicht nötig gewesen wäre.

 

Etwas ganz ausschlaggebendes kommt für mich hinzu:

 

Meine Psychosen sind für mich nicht nur mit Problematischem verbunden. Ich habe in der letzten Psychose, als ich keine Medikamente mehr genommen habe, sehr belastende, aber z.T. auch wunderschöne bewusstseinserweiterte Zustände erlebt, deren Erfahrung mir in den nicht-psychotischen Zeiten im Alltag und wenn ich Psychopharmaka nehme, verwehrt bleibt.

 

Nicht nur die belastenden Symptome, sondern auch all das Positive, die besondere Gabe, dieses "Mehr", an Wahrnehmung..., an Sensibilität...., das mich, Christiane Vogel ausmacht, werden mit Psychopharmaka und anderen nicht-medikamentösen Gegensteuerungsmaßnahmen, seien sie auch noch so human und gut gemeint, blockiert.

 

Ich möchte aber z.B. meine besondere Sensibilität nicht verlieren, sondern mit ihr umgehen lernen.

 

Diese Maßnahmen und Behandlungen, die nur darauf abzielen, psychotisches Erleben so schnell wie möglich zu eliminieren, verwehren mir auch das bewusste Erleben dieser Ressourcen und hindern mich demzufolge auch daran, mit meinem Anders-Sein, meiner besonderen Gabe oder wie auch immer man es nennen mag, umgehen zu lernen und Bewältigungsstrategien zu lernen, z.B. wie ich mit Reizüberflutung am besten umgehe usw. 

 

Hinsichtlich des Umgangs mit Gefühlen haben mich die Neuroleptika in meinem Entwicklungsprozess auch in so fern behindert, dass ich manchmal den Eindruck habe, dass ab dem Zeitpunkt der Neuroleptikaeinnahme manche Entwicklungsprozesse zum Stillstand gekommen sind. Das betrifft vor allem den Gefühlsbereich. Das was für die meisten Menschen selbstverständlich ist, nämlich im Kontakt mit sich selbst sein zu dürfen, ihren Gefühlen, Ausdruck verleihen zu können und Formen und Strategien im Laufe ihres Lebens entwickeln zu können, um z.B. auch mit Wut umgehen zu lernen.... oder sich hinsichtlich anderer "Baustellen", die mit dem Wahrnehmen und Erlben von Gefühlen verbunden sind, weiterzuentwickeln.... dieser Entwicklungsprozess stagnierte bei mir parallel zur Neuroleptikaeinnahme. 

 

Was man nicht mehr oder nur noch sehr gedämpft wahrnimmt - und die Neuroleptika haben einen Einfluss aufs zentrale Nervensystem und dämpfen Areale, die für den Gefühlsbereich zuständig sind - mit dem kann man weder Erfahrungen sammeln, noch sich auseinandersetzen, noch umgehen lernen. Man bleibt in dieser Hinsicht stehen.

 

Im Zuge des Absetzens habe ich manchmal den Eindruck, ich fange wieder dort an, wo ich mit 26 Jahren aufgehört habe. Ich fühle mich als ob ich in wenigen Monaten nun das bewältigen müsse, wofür andere viele Jahre in ihrem Prozess Zeit hatten.

 

Denn nun, da ich absetze, bin ich auf einmal mit diesen Gefühlen, die ich vorher nur gedämpft oder gar nicht mehr wahrgenommen habe, konfrontiert und das manchmal in intensiven Ausmaß. Z.B.intensive Glücks- oder Liebesgefühle oder aber auch Wut. Die Gefühle kommen oft, aufgrund jahrelanger Drosselung, intensiver heraus, als es dem Anlass angemessen ist und das "Handling" damit muss ich erst erlernen. Es fehlen mir die Erfahrungswerte, die man sonst im Laufe des Lebens sammelt und die Umgangsmöglichkeiten und Strategien, die man entwickelt, wenn man mit den jeweiligen Gefühlen und damit verbundenen "Baustellen" konftrontiert wird.

 

Diese Erfahrungen, diese Jahre, diese Lebenszeit und diese Entwicklungszeit haben mir die Neuroleptika genommen..

 

Das neue, andere Erleben bedeutet also auch eine der größten Herausforderungen meines Lebens. Ich habe nun Kontakt zu meiner Hochsensibilität; positive und negative Erfahrungen dringen ungefilterter und mit ganzer Wucht zu mir vor. Ich bin verletzlicher wie früher. Meine Gefühle und mein Lustempfinden sind intensiver. Ich kann übermäßig glücklich sein. Manchmal hüpft mein Herz wie ein kleiner Vogel vor lauter Freude. Aber auch Wut, Trauer und Schmerz sind intensiver und damit heißt es, umgehen zu lernen.

 

Aber um nichts in der Welt, bei all dem, mit dem ich umgehen lernen muss, möchte ich mit der "toten" Christiane tauschen, als die ich mich zu Zeiten der Neuroleptikaeinnahme erlebt habe. 

 

Mein Leben ist wieder intensiv, spannend, mit Höhen und Tiefen.

Die wiedergewonnene Lebendigkeit ist das größte Geschenk für mich seit vielen Jahren.

 

 

 Forschungsergebnisse zur Neuroleptikaeinnahme

 

Unbestritten, auch unter Medizinern, ist, dass Anti-Psychotika psychotische Symptome nicht heilen, sondern nur unterdrücken können.

 

Ich persönlich vergleiche die Neuroleptika-Gabe immer mit der Gabe von Schmerzmitteln, die man oft zunächst bei Zahnschmerzen verabreicht bekommt. Für eine kurze Weile unterdrücken die Zahnschmerzmittel (in meinem Falle die Psychopharmaka) die Schmerzsymptome (Psychotischen Symptome). Doch die Zahnschmerzen werden nicht dauerhaft verschwinden, wenn nicht die Ursachen für die Schmerzen behoben werden, wenn die Schmerzen nicht "an der Wurzel" bekämpft werden.

Nimmt man Schmerzmittel auf Dauer wirken sie nicht nur immer weniger und machen abhängig, sondern sie schaden richtiggehend und können schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen.

 

Das Gleiche gilt für Neuroleptika, wie Volkmar Aderhold, Institut für Sozialpsychiatrie an der Universität Greifswald eindrücklich belegen konnte. (Quelle siehe unten)

 

Dr. Volkmar Aderhold, ein ganz mutiger Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin hat sich einen Namen gemacht durch aufmerksames Lesen, Aufdecken und Publik-Machen von kritischen Studien, die Neuroleptikaeinnahme betreffend. Die oft schockierenden Forschungs-Ergebnisse dieser Studien (schockierend für Menschen wie mich, die schon jahrelang Neuroleptika eingenommen haben und nicht darüber aufgeklärt wurden) sollte eigentlich jeder Psychiater kennen, da viele dieser Studien schon seit vielen vielen Jahren existieren

 

Doch diese Ergebnisse werden von der Pharmaindustrie und vielen Psychiatern gerne unter den Teppich gekehrt und Patienten werden sie vorenthalten. In meiner ganzen langen "Psychiatriekarriere" hat mich bis zu Volkmar Aderhold niemand über diese Wirkungen und Nebenwirkungen aufgeklärt, ganz davon abgesehen, dass ich nie gehört habe, dass die Neuroleptika, selbst psychotische Zustände hervorrufen und chronifizieren können. Und damit ist NICHT die paradoxe Wirkung gemeint, die jedes Arzneimittel beinhalten kann. 

 

Volkmar Aderhold hat nämlich auch die sogenannten "Absetzpsychosen" erforscht, die allein durch die Wirkung von Anti-Psychotika hervorgerufen werden und die nicht auf die psychotische Erkrankung zurückgeführt werden können. Deswegen wird jeder gesunde Mensch, ohne psychotische Vorerkrankung, der eine Weile Neuroleptika einnimmt und diese wieder reduziert, mit hoher Wahrscheinlichkeit psychotische Symptome bekommen, die einzig und allein von der Gabe der Neuroleptika herrühren. Neuroleptika können also sogar, ob nun eine psychotische Vorerkrankung vorliegt oder nicht, Psychosen auslösen, Psychosen, die man ohne die Gabe von Neuroleptika gar nicht bekommen hätte. Dies hat mit der durch die Neuroleptika verursachten vermehrten Entstehung und Sensibilisierung der sogenannten "Rezeptoren" im Gehirn zu tun.

(Quelle siehe unten)

 

Mein Gehirn verändert sich also durch die Gabe von Neuroleptika und wird allein durch die Neuroleptikaeinnahme in einen psychosebegünstigenden Zustand versetzt. D.h. der Zustand meines Gehirns ist nun nicht mehr der gleiche wie vor der Neuroleptikaeinahme. Ich habe durch die Neuroleptika ein zusätzliches Päckchen zu tragen und zu bewältigen, habe nicht ein Problem weniger, sondern ein Problem mehr bekommen, denn die Neuroleptika haben eine erhöhte Psychoseanfälligkeit im Gehirn geschaffen. Daher habe ich, wenn ich die Neuroleptika wieder reduzieren will, nun mit einem  ZUSÄTZLICHEN Psychoserisiko zu kämpfen, einem Problem, das mir erspart geblieben wäre ohne die Einnahme der Neuroleptika.

 

Auf 68 Seiten verarbeitet der Psychiater Volkmar Aderhold, Institut für Sozialpsychiatrie an der Universität Greifswald die Forschungsergebnisse älterer und aktueller Studien zur Behandlung mit Neuroleptika zu einem psychopharmaka-kritischen Aufsatz.

„Neuroleptika minimal – warum und wie“ lautet der Titel des Aufsatzes. 

https://www.psychiatrie-verlag.de/startseite/news/news-article/neuroleptika-minimal-warum-und-wie.html

 

 

 

Eigene Erfahrungen mit Nebenwirkungen und Folgeschäden

 

Ich habe zunächst einmal erlebt, dass mir die massiven Nebenwirkungen und zum Teil irreversiblen Langzeitschäden der Neuroleptika entweder ganz verschwiegen oder verharmlost wurden.

 

Als ich nach der Neuroleptikaeinnahme z.B. innerhalb kurzer Zeit 20 kg zugenommen hatte, wurde die dafür verantwortliche Einnahme von Leponex (Clozapin), das nachweislich Heißhunger und Fettstoffwechselveränderungen mit sich bringt, nicht in Frage gestellt und die Gewichtszunahme als etwas dargestellt, was in Anbetracht der Gefahr einer "drohenden Psychose" hinzunehmen" sei.

 

Selbst nachdem dann als eine erwiesene Nebenwirkung des Leponex meine Zuckerwerte so schlecht wurden, dass man von einer milderen Form von Diabetes sprach, klärte mich niemand über diesen Zusammenhang auf. Nein, stattdessen bezahlte die Krankenkasse eine "Diabetes-Schulung", in der ich lernen sollte, mein Essverhalten zu verändern und das obwohl mein Essverhalten weder die Ursache für meinen Diabetes noch diabetesfördernd war. Mich klärte aber niemand über die wahre Ursache auf. Daher glaubte ich den Ärzten.

 

Erst, als ich das Leponex absetzte lagen plötzlich meine Zuckerwerte wieder, ohne jegliches Zutun oder Änderung meines Essverhaltens, im Normalbereich und sind es auch, seit ich kein Leponex mehr nehme, bis heute geblieben. Zudem nahm ich dann innerhalb kurzer Zeit wieder ab, was vorher mit großem (Energie) -Aufwand nicht möglich gewesen war. Ich konnte vorher tun und lassen was ich wollte, ich nahm nicht ab, denn gegen die Chemie in meinem Körper war ich machtlos. Ich beobachte heute immer wieder fassungslos, wie oft Menschen, die psychotische Vorerkrankungen haben und die in Folge der Medikamenteneinnahme zugenommen haben, Ernährungsleitlinien und Kurse... nahe gelegt werden und Ihnen oft sogar das Gefühl vermittelt wird sie seien selbst schuld, wenn sie nicht abnehmen. 

 

In meinem Fall, was diese 2 Beispiele betrifft, waren die Folgen noch reversibel, nachdem ich das Neuroleptikum abgesetzt hatte. Es gibt aber viele Fälle, da ist die durch Neuroleptika hervorgerufene Nebenwirkung - ich kann in dem Falle auch Krankheit oder Störung... sagen - nicht wieder umkehrbar und die Betroffenen haben ein Leben lang, auch wenn sie absetzen, darunter zu leiden. Z.B. wenn die Bauchspeicheldrüse schon so geschädigt ist, dass sich jemand Insulin spritzen muss, wird er/sie den Diabetes nie mehr los werden. 

 

Auch wenn ich hier Leponex erwähne, so beziehe ich mich aber auch auf alle anderen Neuroleptika. Ich habe schon fast jedes Neuroleptikum genommen, das auf dem Markt war. Bezeichnend finde ich aber schon, dass die verheerenden Nebenwirkungen auch die hochgelobten atypischen Neuroleptika betreffen, zu denen auch Leponex (Clozapin) gehört.

 

Die ARD hat 2015 über die Langzeitdosierung von Neuroleptika einen kritischen, knapp 8-minütigen Beitrag gesendet, (Video: Wenn Neuroleptika das Gehirn schrumpfen lassen..., verfügbar bis 05.11.2020), den Du Dir hier anschauen kannst.

 

Aus Studien (siehe Aderhold oben) weiß man vom erhöhten Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen bei Menschen, die Neuropleptika einnehmen und auch, dass Menschen, die so lange wie ich Neuroleptika eingenommen haben, im Schnitt 10 Jahre kürzer leben.

 

Und und und und..... 

 

Das sind nur wenige Beispiele und die Liste ließe sich immer weiter führen.

 

Und immer noch werden die meisten Betroffenen in den meisten Kliniken in Deutschland zur Neuroleptikaeinnahme gedrängt, wenn nicht sogar gezwungen.

 

 

Ich bin fassungslos und mir drängen sich viele Fragen auf.

 

Das alles sollen Betroffene einfach so hinnehmen?

 

Warum wird von Profi-Seite aus ausschließlich und nur einseitig vor den Folgen des Absetzens gewarnt?

 

Warum gibt es so wenige Profis, die Betroffene  auch vor der Neuroleptika-Einnahme warnen? Und zwar mindestens genauso vehement warnen wie Betroffene vor dem Absetzen gewarnt werden?

 

Warum bin ich noch nie davor gewarnt worden die Neuroleptika weiter zu nehmen? Wirklich noch NIE.

 

Noch NIE hat jemand mir ernsthaft ins Gewissen geredet, wenn ich Neuroleptika genommen habe. Aber sobald ich nur davon redete, absetzen zu wollen, wurde ich so unter Druck gesetzt, gewarnt und bedrängt, dass ich diesem enormen Druck manchmal nicht standhalten konnte. Manchmal wurde ich nicht nur zur Einnahme genötigt, sondern auch mit Gewalt dazu gebracht.

 

 

Was wünsche ich mir von meiner Umwelt in Bezug auf Neuroleptika:

 

Was ich so dringend gebraucht hätte und noch heute brauche, lässt sich mit wenigen Worten sagen:

 

1. Objektive und umfassende Aufklärung, auch über negative Folgen der Neuroleptika, so wie das jeder Mensch, der zum Arzt wegen anderer Symptome geht, auch selbstverständlich erwartet.

 

2. Noch wichtiger:

Ermutigung zum und fürs Absetzvorhaben und dass die Helfer hinter mir stehen und das Vorhaben unterstützen.

 

3. Konkrete Unterstützung und Hilfe für den Absetzprozess. 

 

4. Die Voraussetzung für Punkt 1-3 ist für mich die Haltung zum Absetzen. Die Haltung ist das A und O bei dem Ganzen.

 

Haltungen, die für mich leider wenig hilfreich sind, sind z.B. die vielzitierten Sprüche: "So wenig wie möglich, so viel wie nötig"...

oder "Die Dosis macht das Gift". Diese Haltung hat, meiner Erfahrung gemäß, in meinem Fall nur dazu geführt, dass ich letztendlich beim Absetzen doch wieder nicht unterstützt worden bin, weil es nach dem Ermessen der potenziellen Helfer dann immer schon die geringstmögliche Dosis war, die ich nähme, also es war nach deren Ermessen immer schon "so wenig wie möglich" auch schon damals als ich noch eine viel, viel höhere Dosis genommen habe. So oft, wenn es darum ging zum konkreten Zeitpunkt abzusetzen gab es Gründe für die Helfer, mich darin nicht zu unterstützen. Vor allem war es, deren Meinung nach, einfach nie der richtige Zeitpunkt...,

ja, bis ich 2010 in die Soteria Zwiefalten aufgenommen wurde und zum ersten Mal erlebte, dass mich jemand tatkräftig beim Absetzen unterstützen wollte. (Siehe Seite "Ver-rückt!?!?", bei "Bemerkenswerte Profis")

 

Wenn ich auf den optimalen Zeitpunkt, gemäß den Ratschlägen der vielen anderen Profis gewartet hätte, nähme ich heute noch solch hohe Dosen, die mich in solche Zustände versetzen würden, die ich zu Beginn dieses Kapitels beschrieben habe.

 

Die Dosis macht das Gift meiner Meinung nach nur, wenn etwas potentiell hilfreich ist, aber in höherer Dosierung Unheil anrichtet.

 

Für mich ist eindeutig: Unterm Strich, nach Abwägen aller Vor- und Nachteile schaden mir die Neuroleptika mehr als dass sie nützen, unabhängig von der Dosierung. Der kurzfristige Erfolg, dass Symptome KURZFRISTIG zurückgehen steht in keinem Verhältnis dazu, dass die Neuroleptika über längere Sicht sogar zu Psychosen führen, von den massiven angesprochenen Nebenwirkungen, (Langzeit) -Schäden und irreversiblen Veränderungen ganz zu schweigen. 

 

Für mich läuft es darauf hinaus: Etwas das mir unterm Strich schadet, bleibt schädlich, unabhängig davon wie hoch oder niedrig die Dosis ist. Es wird dosisabhängig vielleicht mehr oder weniger schädlich, aber es BLEIBT schädlich.

Ganz provokant sage ich: Also macht die DOSIS nicht das Gift, sondern Gift bleibt Gift, egal in welcher Dosierung.

 

Meine Haltung ist die: Was mir schadet, bzw. ich als schädlich erkannt habe, lass ich weg.

 

D.h. wenn mir persönlich etwas mehr schadet wie nützt - und unter den erwähnten Umständen ist das in meinem Falle zweifelsohne gegeben - dann möchte ich das mir und meinem Körper nicht mehr antun, egal in welcher Dosierung. Auch dass es nur ein wenig schadet, möchte ich dann nicht.

 

Und ich wünsche mir dann von den Profis und denen, die mir wirklich helfen wollen, auch eindeutige und klare Parteinahme und klare Unterstützung des Absetzvorhabens und des Absetzprozesses.

 

 

 

SELBSTHILFEGRUPPE FÜR MENSCHEN, DIE IHRE NEUROLEPTIKA ABSETZEN WOLLEN

 

Ganz besonders deswegen, weil es so wenig professionelle Unterstützung für Absetzversuche gibt, sind in diesem Prozess Gleichgesinnte unverzichtbar.

 

Zudem gibt es viel zu wenig Erfahrungswerte von Menschen die erfolgreich abgesetzt haben.

 

Meine Vermutungen über die Ursachen der mangelnden Erfahrungswerte über ERFOLGREICHES Absetzen:

Ich vermute, dass es zum einen an mangelnder Unterstützung von Absetzvorhaben und Absetzprozessen liegt oder daran, dass viele Betroffene so entmutigt worden sind, dass sie von sich aus gar keinen Versuch starten wollen. Andere Betroffene wollen aber auch aus einer mündigen Entscheidung heraus einfach nicht absetzen, um das Risiko einer Psychose, das sie dabei fürchten, möglichst gering zu halten, was ich absolut toleriere. Andere setzen in einem viel zu kurzen Zeitraum und in viel zu großen Dosisschritten ab und überfordern sich damit. Oftmals geschieht das, meiner Beobachtung nach - und ich kenne das auch aus eigenem Erleben - aus Mangel an Aufklärung über gerade beim schnellen Absetzen verstärkt auftretende Absetzsymptome und aus Unkenntnis dessen, was das Gehirn während des Absetzens Enormes leisten muss. Das Gehirn muss eine komplette Entwöhnung verkraften. 

 

Was es kaum gibt, sind Erfahrungswerte, wie Menschen ihre Neuroleptika langsam, mit Unterstützung und mit adäquaten Bewältigungsstrategien erfolgreich ausgeschlichen haben.

 

Von daher kommt Selbsthilfegruppen die sich gemeinsam mit diesem Anliegen unterstützen wollen eine große Bedeutung zu. Den Wert von Selbsthilfegruppen habe ich schon in anderen Bereichen als große Unterstützung erlebt.

 

Aus diesem Grund planen eine andere Betroffene, die auch absetzen will und ich, eine Selbsthilfegruppe zu gründen für Menschen, die ihre Neuroleptika reduzieren und absetzen wollen

 

Wir wollen uns gegenseitig beim Absetzen (emotional und praktisch) unterstützen, um mit dem, was bei jedem von uns ganz individuell an Problematischem beim Absetzen auftaucht, umgehen zu lernen und individuelle Bewältigungstrategien zu entwickeln. Das können z.B. sein: Bewältigungsstategien, die während des Absetz-Prozesses durch das Erleben von Absetzsymptomen erforderlich werden oder Bewältigungsstrategien, um nicht in eine "echte" Psychose abzugleiten....  oder was versuche ich (an Alternativen) wenn sich doch eine Psychose anbahnt? .... Es kann auch um auch Hilfe gehen beim Umgang mit dem, was an ganz neuen Persönlichkeitsaspekten auftaucht, um Unterstützung bei Konflikten mit der Umwelt, Angehörigen und Profis, die dem Absetzen abwehrend gegenüber stehen. Der Aufbau eines sozialen, unterstützenden Umfelds kann thematisiert werden oder konkret kann ein Absetz-Tagebuch geführt werden... und... und... und vieles mehr.

 

Dabei wollen wir uns an den Richtlinien der DGSP (Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie) orientieren, bzw. nach diesen Grundsätzen in der Gruppe arbeiten.

https://www.dgsp-ev.de/fileadmin/user_files/dgsp/pdfs/Flyer_Infoblatt_KuFo-Programme_Broschueren/ReduktionNeuroleptika_2014_web.pdf

 

 

Detailliertere Infos, auch für Menschen, die an dieser Gruppe teilnehmen wollen, sowie für solche, die uns dabei unterstützen wollen, finden sich demnächst an dieser Stelle.

www.wesensausdruck.de | Kunstwerke von Christiane Vogel