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 Der ver-rückte Sinn von Psychosen

 

Ist Anders-Sein automatisch behandlungsbedürftig?

"Alles, was da ist, soll da sein", Geschehen lassen und Akzeptanz dessen was ist, wurde für mich auch wesentlich hinsichtlich Zeiten in meinem Leben, in denen ich mich in einer persönlichen Krise befunden habe und auch und gerade hinsichtlich psychotischer Krisen. Es war ein Prozess, die speziellen Gefühle und besonderen Wahrnehmungen meiner psychotischen Krisen nicht mehr nur als krank abzuwerten.

 

Nicht alles was anders oder auch "nicht normal" ist, ist krank und behandlungsbedürftig.  Ich habe aufgrund einer höheren Sensibilität einfach viel mehr und Anderes wahrgenommen als das, was ich und die meisten Menschen in ihrem "normalen" Bewusstseinszustand erleben.

 

Mehr wahrzunehmen, mehrere Bewusstseinszustände zu kennen und sensibler als andere zu sein ist für mich in erster Linie eine besondere Gabe, eine Ressource, aus der ich schöpfen kann und eine Herausforderung, mit der ich lernen möchte umzugehen.

 

Denn das Erfahren der "normalen" Wahrnehmung bleibt mir ja zusätzlich erhalten und ist mir nur zeitweilig in einzelnen Aspekten nicht mehr präsent, taucht dann aber wieder auf.

 

Es ist für mich eine Frage der Toleranz - und auch eine Frage meiner eigenen Toleranz mir selbst gegenüber - ob beides, auch unterschiedliche Wahrnehmungsebenen sein dürfen.

 

(Mehr dazu unter dem Abschnitt: "Wie habe ich die Gabe von Anti-Psychotika erlebt.")

 

 

Was sagt mir mein Ver-rückt Sein über mich und mein Leben? 

Anstatt also den Krankheitsaspekt in den Vordergrund zu stellen, habe ich begonnen zu hinterfragen, was meine psychotischen Erlebnisse mir über mich selbst und über mein Leben sagen wollen. Denn sie "fallen nicht vom Himmel auf mich herab", sondern sind das Ergebnis eines kreativen Prozesses meiner Psyche.

 

Mit einer Psychose habe ich z.B. rückblickend meine Krebserkrankung verarbeitet. Die Todesängste und andere existenzielle Ängste, die ich während meiner Krebserkrankung weitgehend verdrängt hatte, tauchten ein halbes Jahr später, als ich die Krebserkrankung schon hinter mir hatte, verschlüsselt in Form einer Psychose wieder auf. Das, was ich nun in der Psychose an Ängsten erlebte, wäre für die Zeit der Krebserkrankung durchaus realistisch gewesen. Doch ich erlebte diese wahrscheinlich schon lang in mir schwelenden Urängste nun zeitlich versetzt, also nicht zum adäquaten Zeitpunkt, verschlüsselt in der Psychose. Diese Gefühle und Wahrnehmungen und der Sinnzusammenhang zu meinem Leben verstand ich erst viele Jahre später. Zum damaligen Zeitpunkt verstand sie niemand, so dass sofort alles mit Medikamenten schnell wieder zum Schweigen gebracht wurde.

 

So habe ich viele Inhalte meiner Psychosen - oft erst im nachhinein - auf mein Leben beziehen können und sie machten - nachträglich - einen Sinn.

 

 

Parallelen zwischen dem psychotischen Erleben und dem Traumgeschehen

Wir alle halten im Traum vieles für selbstverständlich und wahr, was sich nach dem Aufwachen als unrealistisch für das konkrete Alltagserleben erweist. Dennoch haben die Inhalte, die sich im Traum verdichten, die Symbole und die enthaltenen Botschaften eine große Bedeutung für mein Leben - auch wenn ich sie vorerst nicht verstehe. Diesen Zusammenhang kann ich mit dem psychotischen Geschehen vergleichen.

 

Sowohl Trauminhalte als auch psychotische Inhalte habe ja ich selbst in meiner Psyche geschaffen und sie entspringen einem kreativen Prozess, der aus mir selbst kommt. Deshalb haben sie auch immer etwas mit mir selbst und meinem Leben zu tun. Im Traum so wie im psychotischen Erleben ist viel Weisheit verborgen. Oft bin ich verblüfft über die tiefe Symbolik meiner Wahninhalte, die sich, vergleichbar mit der Symbolik von Trauminhalten, in meinen psychotischen Krisen zeigt. Wenn ich mir diese anschaue, und sie auf mein Leben übertrage, kann ich sie als Bereicherung für mein Leben nutzen.

 

 

Wie viel Wert wird Erfahrungen von Betroffenen beigemessen?

Einseitige bio-medizinische Krankheits- und Behandlungsmodelle, die von Schizophrenie als einer rein körperlich bedingten Hirnstoffwechselstörung sprechen, die vorwiegend mit Medikamenten behandelt werden könne und die von vielen Medizinern leider noch immer vertreten werden, sind für mich und für viele andere Betroffene mittlerweile völlig indiskutabel.

 

Ich bedauere sehr, dass den Erfahrungen von Betroffenen oft so wenig Gehör geschenkt wird und man dann meist als "Einzelfall" abgetan wird, dessen Erfahrungen nicht relevant hinsichtlich "wissenschaftlicher Erkenntnisse" seien. Auch viele Betroffene des Bundesverbands Psychiatrieerfahrener (BPE) und Betroffene der Vereine "HEIPER" (Heidelberger Initiative Psychiatrieerfahrener) und WIPER (Wieslocher Initiative Psychiatrieerfahrener) sehen einen Sinnzusammenhang zwischen den Inhalten der Psychose und dem Leben des Betroffenen.

An dieser Stelle möchte ich eine bemerkenswerte Webseite einer Betroffenen erwähnen: http://www.wahnsinnstheater.de/

 

Es gibt mittlerweile aber auch viele offene, aufgeschlossene Profis, mit denen ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe.

(Siehe weiter unten bei "Bemerkenswerte Profis")

 

 

Wie habe ich die Gabe von Anti-Psychotika erlebt? 

Ich stehe Psychopharmaka zwar nicht grundsätzlich abwehrend gegenüber - denn für jeden Menschen ist etwas anderes gut und richtig und für viele psychotische Menschen bedeuten Medikamente eine Hilfe, um überhaupt wieder am Alltagsleben teilnehmen zu können - habe sie für mich selbst aber stärker als Belastung, denn als Bereicherung erlebt.

 

Unbestritten, auch unter Medizinern, ist, dass Anti-Psychotika psychotische Symptome nicht heilen, sondern nur unterdrücken können.

 

Ich vergleiche die Neuroleptika-Gabe immer mit der Gabe von Schmerzmitteln, die man oft zunächst bei Zahnschmerzen verabreicht bekommt. Für eine kurze Weile unterdrücken die Zahnschmerzmittel (in meinem Falle die Psychopharmaka) die Schmerzsymptome (Psychotischen Symptome). Doch die Zahnschmerzen werden nicht dauerhaft verschwinden, wenn nicht die Ursachen für die Schmerzen behoben werden, wenn die Schmerzen nicht "an der Wurzel" bekämpft werden.

Nimmt man Schmerzmittel auf Dauer wirken sie nicht nur immer weniger und machen abhängig, sondern sie schaden richtiggehend und können schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen.

 

Das Gleiche gilt für Neuroleptika, wie Volkmar Aderhold, Institut für Sozialpsychiatrie an der Universität Greifswald eindrücklich belegen konnte. (Quelle siehe unten bei "Bemerkenswerte Profis")

 

Er hat auch die sogenannten "Absetzpsychosen" erforscht, die allein durch die Wirkung von Anti-Psychotika hervorgerufen werden und die nicht auf die psychotische Erkrankung zurückgeführt werden können. Deswegen wird jeder gesunde Mensch, ohne psychotische Vorerkrankung, der eine Weile Neuroleptika einnimmt und diese wieder reduziert, mit hoher Wahrscheinlichkeit psychotische Symptome bekommen, die einzig und allein von der Gabe der Neuroleptika herrühren. Neuroleptika können also sogar, ob nun eine psychotische Vorerkrankung vorliegt oder nicht, Psychosen auslösen, Psychosen, die man ohne die Gabe von Neuroleptika gar nicht bekommen hätte. Dies hat mit der durch die Neuroleptika verursachten vermehrten Entstehung und Sensibilisierung der sogenannten "Rezeptoren" im Gehirn zu tun.

(Quelle siehe unten bei "Bemerkenswerte Profis")

 

Ein weiterer Aspekt ist für mich sehr belastend gewesen.

 

Ich habe in der Psychiatrie immer wieder erlebt, dass es vordergründig oder ausschließlich darum ging, die psychotischen Symptome zu eliminieren. Dies geschah mit Hilfe von Psychopharmaka aber auch mit anderen nicht-medikamentösen Gegensteuerungsmaßnahmen.

Medikamente und nicht-medikamentöse Gegenmaßnahmen werden so schnell und vehement eingesetzt, dass gar keine Zeit bleibt, zum Hinschauen, Wahrnehmen, Reflektieren, Aufarbeiten. So hatte ich auch keine Chance, zu lernen, damit umzugehen, die dahinterliegenden Probleme und Inhalte, dann, wenn sie präsent sind, anzuschauen und vor allem alternative Verhaltensweisen zu entwickeln.

Nach der akuten Phase sind mir ganz viele meiner Wahrnehmungen und psychotischen Inhalte nicht mehr präsent, so dass auch eine nachträgliche Auseinandersetzung und Aufarbeitung oft unmöglich ist.

 

Die Psychopharmaka haben fast mein komplettes Gefühlsleben und meine Erlebnisfähigkeit lahmgelegt, so dass ich lange unter der Selbstwahrnehmung, ich sei ein gefühlskalter Mensch, gelitten habe, etwas, was sich nach der Reduktion der Neuroleptika als völlig unzutreffend erwiesen hat. Das Gegenteil ist der Fall: Ich bin ein hochemotionaler Mensch mit hoher Empathie -Fähigkeit.

 

Etwas ganz ausschlaggebendes kommt für mich hinzu:

 

Meine Psychosen sind für mich nicht nur mit Problematischem verbunden. Ich habe in der letzten Psychose, als ich keine Medikamente mehr genommen habe, sehr belastende, aber z.T. auch wunderschöne bewusstseinserweiterte Zustände erlebt, deren Erfahrung mir in den nicht-psychotischen Zeiten im Alltag und wenn ich Psychopharmaka nehme, verwehrt bleibt.

 

 

Nicht nur die belastenden Symptome, sondern auch all das Positive, die besondere Gabe, dieses "Mehr", an Wahrnehmung..., an Sensibilität...., das mich, Christiane Vogel ausmacht, werden mit Psychopharmaka und anderen nicht-medikamentösen Gegensteuerungsmaßnahmen, seien sie auch noch so human und gut gemeint, blockiert.

 

Ich möchte aber z.B. meine besondere Sensibilität nicht verlieren, sondern mit ihr umgehen lernen.

 

Diese Maßnahmen und Behandlungen, die nur darauf abzielen, psychotisches Erleben so schnell wie möglich zu eliminieren, verwehren mir auch das bewusste Erleben dieser Ressourcen und hindern mich demzufolge auch daran, mit meinem Anders-Sein, meiner besonderen Gabe oder wie auch immer man es nennen mag, umgehen zu lernen und Bewältigungsstrategien zu lernen, z.B. wie ich mit Reizüberflutung am besten umgehe usw. 

 

Für mich sind also nicht nur die gravierenden Nebenwirkungen und gesundheitlichen und sozialen Langzeitfolgen der Medikamente, die ich jetzt mal ganz außen vor gelassen habe, nicht erstrebenswert sondern auch die Wirkungen der Psychopharmaka, wie z.B. die Eindämmung meiner Sensibilität und Wahrnehmung .

 

Aber: Nur für mich!!! Ich respektiere jeden Betroffenen, der für sich eine andere Wahl trifft.

 

Aufgrund dessen bin ich mit gutem Erfolg schon seit sehr langer Zeit dabei - so langsam, dass es der Körper fast nicht mitbekommt, ist meine Devise - die Medikamente komplett auszuschleichen und nehme derzeit nur noch eine verschwindend geringe Dosis, ca 2% (!!!) von dem, was ich früher genommen habe.

 

Die wiedergewonnene Lebendigkeit ist das größte Geschenk für mich seit vielen Jahren.

 

Das neue, andere Erleben bedeutet aber auch eine der größten Herausforderungen meines Lebens. Ich habe nun Kontakt zu meiner Hochsensibilität; positive und negative Erfahrungen dringen ungefilterter und mit ganzer Wucht zu mir vor. Ich bin verletzlicher wie früher. Meine Gefühle und mein Lustempfinden sind intensiver. Ich kann übermäßig glücklich sein. Manchmal hüpft mein Herz wie ein kleiner Vogel vor lauter Freude. Aber auch Wut, Trauer und Schmerz sind intensiver und damit heißt es, umgehen zu lernen.

 

Ich suche immer noch und immer wieder aufs Neue nach Wegen, mich selbst in meinem Anders-Sein in dieser, unserer (Um-)Welt auch leben und verwirklichen zu können.  Manchmal verzweifle ich fast an den Möglichkeiten, Realitäten und Gegebenheiten in unserer schnelllebigen Zeit, in der Menschen wie ich, die sensibler sind und mehr und andere Bedingungen brauchen, scheinbar gar keinen Platz haben oder finden können.

 

 

Bemerkenswerte Profis

Erfreulicherweise gibt es mittlerweile in Medizin und Psychotherapie ein großes Spektrum an alternativen Ansätzen über Entstehung, Bedeutung und Behandlung von Psychosen, die z.T. auch in der neuesten Hirnforschung begründet sind, denen gegenüber sich, meiner Erfahrung nach, viele "konservativen" Psychiater aber nur schwer öffnen können.

 

Es gibt ein interessantes Buch eines bekannten deutschen Professors für Psychologie, den ich leider nicht persönlich kenne, der Krankheitskonzepte" wie "Krankheitsuneinsichtigkeit bei schizophrenen Patienten" hinterfragt und der "Noncompliance als Chance" sieht.

Prof. Thomas Bock ist Leiter der Institutsambulanz am Hamburger Universitätsklinikum und Autor zahlreicher Fachbücher.

Ein wirklich lesenswertes Buch, auch da er sich (selbst) kritisch der eigenen Zunft gegenüber äußert.

https://www.amazon.de/Eigensinn-Psychose-Noncompliance-als-Chance/dp/3926200901/ref=cm_cr_arp_d_product_top?ie=UTF8

 

 

Sehr positive Erfahrungen habe ich in der Soteria Zwiefalten (Schwäbische Alb) gemacht. Das ist eine alternative Spezialstation für Menschen in psychotischen Krisen, in der der Sinnzusammenhang von Psychosen mit dem Leben des Betreffenden gewürdigt wird. In der Soteria wird viel Wert gelegt auf "being with", auf das "Dabei-Sein" und das Begleiten eines Menschen in einer psychotischen Krise. Medikamente werden nur sehr sparsam eingesetzt und ich wurde dort  -ambulant und stationär - schon zwei Mal darin unterstützt, meine Psychopharmaka auszuschleichen.

http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Die-Soteria-in-Zwiefalten-hilft-bei-Psychosen-mit-einem-alternativen-Ansatz-189361.html

 

 

Als lobenswert erwähnen möchte ich auch die

"Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie" (DGSP).

Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e. V. (DGSP) ist ein unabhängiger Fachverband für psychiatrisch Tätige aller Berufsgruppen.

Die DGSP vereinigt Menschen, die über die Grenzen ihres jeweiligen Arbeitsplatzes hinaus für die weitere Humanisierung der psychiatrischen Versorgung eintreten wollen.

Sie sind wie ich an positiven Veränderungen in der gesamten "psychiatrischen Landschaft" interessiert und berücksichtigen dabei auch die Betroffenenperspektive.

Ebenso wird kritisch zu Zwangsmaßnahmen und auch zu  Psychopharmaka -Einnahme Stellung bezogen.

http://www.dgsp-ev.de/neuroleptikadebatte.html

 

 

In der Psychopharmakadebatte  hat ein ganz mutiger Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin mittlerweile an großer Bedeutung gewonnen. Ich habe ihn mehrmals bei Vorträgen kennen gelernt und im Laufe dieses Artikels schon mehrmals benannt. Auf 68 Seiten verarbeitet der Psychiater Volkmar Aderhold, Institut für Sozialpsychiatrie an der Universität Greifswald die Forschungsergebnisse aktueller Studien zur Behandlung mit Neuroleptika zu einem psychopharmaka-kritischen Aufsatz.

„Neuroleptika minimal – warum und wie“ lautet der Titel des Aufsatzes 

https://www.psychiatrie-verlag.de/startseite/news/news-article/neuroleptika-minimal-warum-und-wie.html

 

 

Mein ureigener Weg

Innerhalb meines ureigenen Wegs und Prozesses habe ich mittlerweile eine Kehrtwendung gemacht:

Weg von allen konservativen Ansprüchen und Haltungen hinsichtlich der Unerwünschtheit meines Erlebens, die ich viele Jahre immer wieder gehört und z.T. auch übernommen habe... -

Hin zu SELBSTANNAHME meines So-Seins und meiner eigener SELBST-WERTSCHÄTZUNG meines anderen Erlebens in den Psychosen.

 

Das ist nicht immer leicht, denn auch ich selbst neige dazu, mein Erleben oft als krank und absurd abzuwerten. Doch um so mehr ich aufgrund der Reflexion, z.B. über meine Wahninhalte, wahrnehme, welch ein Reichtum in meinen psychotischen Krisen, meist erst auf den zweiten Blick erkennbar ist, um so mehr ich ihren Sinn erkenne..., um so mehr fühle ich mich darin bestärkt, meinem Weg, meinem Prozess, meinem "inneren Kompass" und meiner "inneren Spur" zu vertrauen und zu folgen.

Den Reichtum, den ich, hinter und trotz all dem Leid, das ich erlebt habe, dennoch mittlerweile wahrnehme, versuche ich nun einfühlbar zu machen, z.B. in meinen Vorträgen und in den darin enthaltenen, sehr sehr persönlichen Erfahrungsberichten zum zeitweiligen Leben in einer Wahn-Welt, zu individuellen Wahninhalten und den Ressourcen, die dahinter verborgen schlummern.

 

 

 Fazit:

Ich möchte all das Leid, das die psychotischen Zustände ebenfalls oft - für mich und andere - mit sich bringen, auf keinen Fall verschweigen oder bagatellisieren. Einige Episoden, verbunden mit starken Nebenwirkungen der Medikamente, waren für mich die schlimmsten Zeiten meines Lebens, der reinste Horror!!! Auch meine Angehörigen und meine Umwelt hatten viel zu (er)tragen.

 

Dennoch: Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen: Wenn ich mich psychotischen Zuständen zuwende und versuche zu verstehen, machen sie durchaus Sinn und haben eine Bedeutung für mein Leben. Gerade meine psychotischen Krisen ermöglichten mir Einsichten über mich selbst und wiesen mir Wege, die ich ohne mein "Ver-rückt-Sein" nicht wahrgenommen hätte.

 

Demzufolge versuche ich, diese Zustände nicht nur als lästiges Übel zu tolerieren, sondern sie viel mehr wertschätzend anzunehmen und zu akzeptieren als einen Teil von mir selbst, als etwas, das auch zu mir dazugehört.

 

Mein Ziel ist es, sie in mein Leben zu integrieren. Vielleicht wird durch Akzeptanz, Auseinandersetzung und Integration dieser abgespaltenen Persönlichkeitsanteile eine Psychose letztendlich auch überflüssig??? Das wird für mich vielleicht zu erfahren sein.

  

 

Meine Wünsche:

Ich glaube daran, dass, wenn man durch eine Krise hindurchgeht, sich ihr stellt und sie nicht nur unermüdlich bekämpft, man sogar gestärkt, reifer und bereichert aus ihr hervorgehen kann.

 

Meine tiefe Überzeugung und Erfahrung ist:

 Mein Weg aus der Krise heraus, führt mitten durch sie hindurch.

 

Deswegen wünsche ich mir in meinem Fall so sehr:

Mehr Menschen, die Menschen mit Psychosen nicht ausschließlich nur bei der Bekämpfung der Symptome unterstützen, sondern die gewillt sind, psychotische Menschen durch ihre Krisen zu begleiten und sie bei der Bewältigung und dem Umgang mit diesen besonderen Erlebnissen zu unterstützen.

 

Ich wünsche mir und vielen anderen Betroffenen, BegleiterInnen auf Augenhöhe durch die Krise hindurch. Zu einem gemeinsamen Hindurchgehen und Durchstehen braucht es für mich Menschen, die ihre eigenen Ängste reflektieren können und in Folge dessen nicht gleich mit großer Angst auf jedes psychotisch erscheinende Symptom schauen, sondern darauf vertrauen können, dass es auch möglich sein kann, eine psychotische Krise zu bewältigen und durch sie hindurchzugehen, ohne diese all zu schnell mit Medikamenten zu unterdrücken.

 

Ich wünsche mir Menschen, die Betroffene darin unterstützen - wenn diesen das wichtig ist - den Sinn der psychotischen Inhalte und deren Zusammenhänge zu verstehen.

 

Ich wünsche mir eine Welt, in der auch anders fühlende, anders denkende und anders wahrnehmende Menschen, die eine andere oder auch manchmal intensivere Sensibilität und Empfindsamkeit "mitbringen", (über-) leben können, Sein dürfen und in ihrem So-Sein vor dem Hintergrund der Bejahung einer Gesellschaft, in der Vielfalt willkommen und wünschenswert ist, wertgeschätzt werden.

  

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft einen Prozess vollzieht, weg von ausschließlichen Lippenbekenntnissen hin zu wirklicher Wertschätzung und hin zu wirklicher, auch praktisch und konkret verstandener Inklusion, die im eigenen Lebensprozess auch gelebt und verwirklicht wird. Wir brauchen ein Umdenken und eine wirkliche authentische Veränderung in der Seele der uns umgebenden Menschen.

 

Die Welt ist oft kaum so, dass wir in ihr mit unserer besonderen Sensibilität und mit dem, was wir mehr und Anderes brauchen, erfüllend leben können.

Viele von Schizophrenie betroffene Menschen haben keine eigene Stimme mehr und auch keine Lobby und wir sind zu wenig, um allein etwas erreichen zu können.

 

Wir brauchen Euch, die "Gesunden", auch die Profis, die hinter uns und unseren besonderen Bedürfnissen stehen und diese nach außen hin auch vertreten, unterstützen und dafür kämpfen. Wir brauchen Eure Unterstützung, einen wechselseitigen Austausch und ein Lernen voneinander, damit sich etwas verändern kann. 

 

Auch wir selbst haben Euch viel zu geben und können zu einer Bereicherung für Euch werden.

Das ist für mich ein wechselseitiger Prozess, ein Geben und Nehmen.

 

 Ich bin überzeugt: Jede Psychose birgt ungeahnte Kräfte und kreative Fähigkeiten, die für das eigene Leben  - und auch das der Mitmenschen - sehr bereichernd sein können, wenn man sie nutzen kann und lernt, damit umzugehen.

 

www.wesensausdruck.de | Kunstwerke von Christiane Vogel